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Eine lange stabile Schnur – mehr braucht es nicht, um Kinder über Stunden konzentriert bei der Sache bleiben zu lassen. Unter geschickten Händen, manchmal auch mit Hilfe der Zähne, entstehen im Lahrer Kinder- und Jugendbüro raffinierte Figuren, die sich mit einem beherzten Ruck plötzlich in Nichts auflösen.
Die Zeiten, in denen Kinder in ihren Hosentaschen bunte Schätze horteten, sind keineswegs vorbei: Fünf bunte Fäden fördert ein Mädchen in der Mediathek von Lahr zutage. Grau, blau, grün, rot. Das pinkfarbene Band wählt sie zum Spielen aus. Wie zehn weitere Kinder ist es hergekommen, um im Lahrer Kinder- und Jugendbüro Fadenspiele zu lernen. »Man braucht nicht viel«, sagt Katja Dern, Sozialpädagogin beim Kinder- und Jugendbüro. Dafür bekomme man aber mit etwas Geschick und Kreativität jede Menge raus: Das ist der Grund, warum hier seit gut zehn Jahren Fadenspiele lanciert werden.
In der kleinen Arena herrscht schon Hochstimmung: Prisca Dertogan spielt mit ihrem Faden, ein paar Kinder beginnen, sich um sie zu gruppieren. Geduld ist beim Nachmachen gefragt, aber es lohnt sich: Die 18-jährige Ehrenamtliche kann besonders viele Figuren. Und weil Dreikönig vor der Tür steht, »fädelt« sie für ihre Zuschauer noch rasch einen Engel. »Davon hatte ich zu Hause mal einen ganzen Weihnachtsbaum voll«, lacht sie. Rund 100 Fäden lagern bei ihr in einer Kiste, natürlich nicht nur hochwertige. »Wenn ich mal schnell einen haben möchte, bastle ich einen aus Wolle.« Ihren Traumfaden hat sie aber noch nicht: »Ein goldener, der aufwendig und exklusiv bestellt werden muss«, verrät Prisca.
Für diesen Nachmittag allerdings gilt: Falls jemand (noch) keinen Faden besitzt, gibt es Nachschub aus dem Koffer – leihweise oder für einen Euro, um ihn dann später mit nach Hause zu nehmen.
»Wir führen dann unseren Eltern vor, was wir können«, verraten ein paar Mädchen mit leuchtenden Augen. Deshalb üben sie eifrig an der »Lotusblume« – das ist eine Fadenfigur, die an diesem Nachmittag viel Beachtung findet.
Für die Aufführung – eine Mischung aus Geschicklichkeit und Zauberei – gibt es auf jeden Fall Aufmerksamkeit. »Fadenspiele geben Selbstbewusstsein: Die Kinder dürfen zeigen, was sie können«, erklärt Dern.
Zwei Hände, zehn Finger, ein Faden – nicht immer reicht das aus, um eine Figur zu formen. Beim Umfädeln muss man da manchmal auch die Zähne blecken: etwa beim 3 D-Eiffelturm.
Schön sei es, wenn sich eine weitere Figurenabfolge ergibt, stellt Prisa Dertogan fest: Aus der Tasse als Ausgangsfigur könne man noch viel mehr machen als vor staunenden Blicken affektiert einen Schluck nehmen. Sie wird mit ein paar geschickten weiteren Fädelungen zum Leuchtturm oder zum Kleiderbügel.
Dern posiert dazu und schlingt den Faden als Kette um den Hals, als Ringe um die Finger und – ein weiterer Dreh – als Krone um den Kopf. »Doch die Krone ist zu groß, dann wird die Prinzessin alles los…« heißt das Sprüchlein nicht zu Unrecht. Wer alle Schritte richtig macht, hat jetzt den Faden, den er ja zunächst um den Hals gelegt hatte, wieder in der Hand.
Liam mag das Fischernetz am liebsten. Wie genau die Fäden um die Finger gewickelt werden müssen, damit das Flechtwerk entsteht, zeigt der Neunjährige Interessierten, die es noch nicht können. Dabei versetzt er sich in sein Gegenüber – Schritt für Schritt wird das Gebilde erarbeitet. Geschafft! Er zieht an einem genau ausgewählten Punkt und das Netz löst sich wie von Zauberhand wieder auf.
»Und jetzt noch mal«, ermuntert er den Neuling. Allerdings klappt es ohne Hilfe dann doch noch nicht so gut – und Liam muss noch mal mit seinem Können weiterhelfen. Doch auch wenn sich dann ein Erfolg einstellt, »nach einer Woche ist dann leider alles wieder vergessen«, meint die 18-jährige Nina Wiesler mit komischer Verzweiflung. Sie hilft im Rahmen ihres Freiwilligen Sozialen Jahres beim »Treffpunkt Fadenspiele mit« und »kann aber noch nicht so viele«. Aber sie klemmt sich dahinter, denn »die Kinder haben den Anspruch, dass wir Großen auch was können«.
Die meisten Lahrer Kinder lernen das Fadenspiel bei der Freizeit auf dem Langenhard kennen. Auch Liam, der zu Hause seine kleine Schwester Lilly für die Faden-Tricks begeisterte. Deshalb kam die Fünfjährige nun auch mit und übte konzentriert. »Auf dem Langenhard gibt es immer eine Figur des Jahres«, sagt Dern. In diesem Jahr war es der »laufende Hund«. Nein, sie kann ihn nicht, räumt sie ein. Aber Sina Hurst, ebenfalls eine ehrenamtliche Helferin, kann ihn marschieren lassen: Ohren und Füße sind so geschickt um einen Faden geschlungen, dass man nur noch zu ziehen braucht. Dann bewegt sich das Hündchen vorwärts.
Seine Impulse bekommt das Team des Jugendbüros von Lothar Walschik. Der Fachmann für Fadenspiele hat Figuren aus aller Welt gesammelt. Denn der Spaß mit diesem Nichts zieht sich durch alle Epochen und Kulturen.
Und er fasziniert auch außerhalb der Fadenspiel-Stunde in der Bibliothek. »Wenn ich im Zug pendle, beschäftige ich mich auch damit«, erzählt Dern. Darüber sei sie schon mit so manchem Fahrgast ins Gespräch gekommen. »Manchmal tauscht man sich dann auch aus und zeigt sich gegenseitig neue Tricks«, sagt sie.
Und genau deshalb setzt auch das Jugendbüro auf das scheinbar simple Spiel: »Da steckt jede Menge Potenzial zur Kommunikation drin.« Dies sei auch ein Ziel des Treffpunkts: Die Kinder sollen miteinander in Kontakt kommen. Das klappt mit den Fadenspielen tausend Mal besser als mit der Spielekonsole – und Strom braucht man dafür auch nicht.